Wer hat Pille erfunden

Antibabypille

Die Einführung der Pille. Orale Kontrazeption schon in den 1920er Jahren möglich? Anfang der 1960er Jahre war es geschafft. Sigmunds Freuds Vision einer Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit wurde mit der Markteinführung der Pille Realität.

Es hätte die Möglichkeit der Verhütung mit der Pille vielleicht schon viel früher geben können. Denn bereits in den 1920er Jahren entdeckte der österreichische Forscher Ludwig Haberlandt nach Versuchen an Ratten, dass eine Schwangerschaft die Heranreifung weiterer Eizellen blockiert. Der Wiener Gynäkologe Otfried Otto Fellner bestätigte die Ergebnisse Haberlandts. Die beiden versuchten, ihre Entdeckungen für eine hormonelle Verhütungsmethode weiter zu verbessern. Es fehlten jedoch noch die pharmazeutischen Voraussetzungen und technischen Hilfsmittel. Aber auch das politische Umfeld der 1930er Jahre verhinderte derartige Initiativen. Die Forschungsergebnisse Haberlandts gerieten in Vergessenheit.

Eisprung verhindern

Bereits 1938 wurde das Hormon Östrogen von der deutschen Pharmafirma Schering erstmals künstlich hergestellt, und wieder war es ein Österreicher, Walter Hohlweg, dem es gelang die chemische Formel des Östrogens so lange zu verändern, bis ein oral wirksames Östrogen gefunden war: Ethinylestradiol wurde zum wichtigsten Östrogen in der oralen Kontrazeption und findet sich auch heute noch in allen Kombinationspillen. Hohlweg war auch an der Synthetisierung des Ethisterons beteiligt, der Basis für alle später entwickelten hochwirksamen oralen Gestagene. Das sogenannte „1000jährige Reich“ unterband dann alle weiteren Forschungsversuche: Hitler brauchte Soldaten, Schwangerschaftsverhütung und der Abbruch wurden verboten.

Erst nach dem Ende des Naziterrors nahm die Forschung an hormoneller Kontrazeption wieder einen Aufschwung. Der Pharmakologe Gregory Pincus entwickelte mit dem aus Wien in die USA emigrierten Chemiker Carl Djerassi einen Abkömmling des weiblichen Geschlechtshormons Progesteron und meldete diesen 1951 als Verhütungsmittel zum Patent an. 1961 brachte das Pharmaunternehmen Schering die erste Pille mit dem vielsagenden Namen Anovlar (kein Eisprung) auf den Markt.

Die Pille für den Mann?

Seit der Markteinführung der Pille hat sich das Angebot zur (hormonellen) Schwangerschaftsverhütung enorm verbreitet. Neben oralen Kontrazeptiva stehen Verhütungsstäbchen, die in den Oberarm gepflanzt und für drei Jahre dort belassen werden, Kupfer- und Hormonspiralen verhindern Schwangerschaften ebenso zuverlässig wie neuere Entwicklungen wie etwa der Verhütungsring. „Schon bald soll dieser Ring in einer neuen Variante auf den Markt kommen“, erläutert der Leiter des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch DDr. Christian Fiala die nächsten Entwicklungen auf dem Verhütungssektor: „Dieser Ring kann mehrere Monate lang getragen werden, ohne entfernt werden zu müssen.“

Es gibt bereits eine Pille, bei der das Einnehmen über mehrere Monate ohne Abbruchblutung möglich ist. Die „Pille für den Mann“ dagegen ist und bleibt wohl Zukunftsmusik, schon weil es immer noch die Frauen sind, die schwanger werden – auch dann, wenn ihr Partner etwa die Einnahme der Pille vergisst.

„Das bedeutet aber nicht, dass es keine Forschung zu Verhütungsmethoden beim Mann gibt“, hält Fiala fest: „Die in Erprobung befindlichen Methoden sind etwa Dreimonatsspritzen, die die Produktion befruchtungsfähiger Spermien verhindern oder auch Implantate, die – wie das Verhütungsstäbchen für die Frau – unter die Haut gesetzt werden. Allerdings ist derzeit noch unklar, wann denn endlich das erste hormonelle Verhütungsmittel für den Mann auf den Markt kommen wird. „Es ist biologisch etwas schwieriger, die tägliche Produktion von Millionen Spermien zu unterdrücken und dabei nicht negativ in den Hormonhaushalt einzugreifen, als einen Eisprung pro Monat bei der Frau“, erläutert Fiala die nach wie vor bestehenden Probleme in der Entwicklung einer wirksamen Verhütungsmethode bei Männern.

Alarmierend geringes Wissen

Die Trennung von Sexualität und Fruchtbarkeit ist geschafft. Kinder werden heute geplant, keine Frau in einem industrialisierten Land muss heute mehr 15 Schwangerschaften erleben. Das Wissen um die Fruchtbarkeit und die Vorgänge rund um Sexualität und Schwangerschaft ist allerdings auch fast 50 Jahre nach Einführung der Pille teilweise erschreckend, wie Christian Fiala weiß, der in Wien und Salzburg auch das Ambulatorium Gynmed leitet, in dem Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden: „Rund 50 Prozent aller Frauen, die wegen eines Schwangerschaftsabbruchs zu uns kommen, haben nicht verhütet.“ Und vor allem junge Mädchen würden sich erst, nachdem sie schwanger geworden sind, mit ihrer eigenen Fruchtbarkeit auseinandersetzen.

Die Ursachen dafür sieht Fiala in der mangelhaften Sexualaufklärung in den Schulen. Und dies sei, so der Museumsleiter, eine der Intentionen zum Aufbau des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch gewesen: „Wer sich ansieht, mit welch unglaublicher Verzweiflung die Menschen über Jahrhunderte versucht haben, ihre Fruchtbarkeit zu kontrollieren, wird sich bewusst, wie viel Glück wir haben, heute zu leben, in einer Zeit, in der wir unserer Fruchtbarkeit nicht mehr hilflos ausgeliefert sind, sondern selbst kontrollieren können. Erst dies hat uns ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“

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