Wer hat Schleier erfunden

Schleier

Der Schleier: Religiöses oder kulturelles Phänomen? Der Schleier wird immer mehr zu einem Symbol der Fremdartigkeit stilisiert. Unerwähnt bleibt dabei seine vielfältige Herkunfts- und Bedeutungsgeschichte.

Durch die Debatte um das Burkaverbot in Belgien und Frankreich ist der Körperschleier erneut in den Fokus der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit geraten. Auch in Deutschland werden die Stimmen lauter, die ein Burkaverbot fordern, um damit Unverständliches, von der Norm Abweichendes aus der Öffentlichkeit verbannen zu können. Die deutsche Öffentlichkeit debattierte bereits im Zuge des Kopftuchstreits (2003) intensiv über das Kleidungsstück, das damit nicht nur zu einem deutlichen Erkennungszeichen, sondern zu einem Primärmerkmal des Islams stilisiert wurde. Immer komplexere Vokabeln halten Einzug in den Diskurs um den Schleier, so dass Stichworte wie Tradition, Fundamentalismus, Leitkultur, Toleranz und Identität allesamt in derselben Diskussion verhandelt werden. Daraus leitet der Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit des UN-Menschenrechtsrats, Heiner Bielefeldt, den Eindruck ab, dass die Kopftuchdebatte eine stellvertretende Funktion für andere Konfliktfelder einnehmen müsse.

Ein differenzierter Diskurs muss gefordert werden

Ein differenzierter Diskurs erscheint angesichts der zunehmenden unsachlichen Projektionen auf das Kopftuch unbedingt notwendig. Die Diskussion über den Schleier präferiert die Beschäftigung mit der koranischen Begründung eines Schleiergebots beziehungsweise der Verwerfung eines solchen. Dies führt zu der Verkürzung eines Phänomens, dass eine vielfältige Herkunftsgeschichte aufzuweisen hat. Eine aufrichtige Beschäftigung mit dieser würde darauf aufmerksam machen, dass es sich beim Schleier weder um ein spezifisch muslimisches noch um ein explizit religiöses Symbol handelt. Der Schleier kann in verschiedenen Religionen und Kulturen entdeckt werden. So war ein Schleier bereits im Judentum, in christlich geprägten Ländern und in Indien etabliert, bevor er Einzug in die arabischen Gebiete hielt.

Der Schleier in den Schriftzeugnisses des Judentums und Christentums

Im Alten Testament wird der Schleier zwölfmal erwähnt. Dort wird er jedoch in unterschiedlicher Weise verwendet. Zum Beispiel wird er als Brautschleier (Genesis 24, 65) oder als magischer Schleier aufgefasst. In allen Stellen ist lediglich von einem Kopfschleier die Rede, niemals von einem Körperschleier. Deswegen kann in den Bibelstellen auch keine hinreichende Begründung für die Verwendung des Schleiers im sogenannten Spätjudentum gesehen werden. Denn damals wurde der Schleier vor allem dazu genutzt, die Frauen in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. Auf diese Weise konnten die männlichen Ängste vor dem weiblichen Körper gebannt werden. Dahinter steht ein Frauenbild, das mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Mythos der sündigen Eva zurückgeführt werden kann. Diese Haltung wurde durch das Christentum weiter tradiert, indem Paulus, der erste Theologe und Missionar des Christentums, an dem Schleiergebot der jüdischen Tradition festhielt und eine klare Hierarchie zwischen Mann und Frau bekräftigte (1. Kor. 11, 2-16).

Der Schleier im vorislamischen Arabien

Im polytheistischen Arabien der vorislamischen Zeit galt der Schleier als ein Statussymbol. Als solches unterschied er freie von versklavten und somit rechtlich geschützte von entrechteten Frauen. Des Weiteren konnte man über den Schleier Rückschlüsse auf den sozialen Status einer Frau ziehen. Wohlhabende Frauen trugen Schleier, da sie nicht zu arbeiten brauchten. Ärmere Frauen hingegen mussten harte Arbeiten auf dem Feld verrichten, wobei ein Schleier hinderlich gewesen wäre. Diese Differenz zeigt sich bis heute darin, das Beduininnen und Berberinnen meist keinen Schleier tragen.

Der Schleier im Islam

In der Diskussion werden meist drei Koranverse besonders intensiv zur Schleierfrage besprochen. Einer der Verse wird im Bezug auf die Unterscheidung von freien und versklavten Frauen angeführt. Dieser Vers richtet sich jedoch ausschließlich an die Frauen des Propheten (33:59). Der zweite Vers steht in der selben Sure und richtet sich ebenfalls ausschließlich an die Frauen des Propheten. Er wird als Hijaberlass betrachtet (33:53). Da Hijab im Koran kein einziges Mal als Körperschleier verwendet wird, kann auch dieser Vers nicht als nachhaltige Begründung für ein Schleiergebot dienen. Die dritten Verse (24: 30/31) bilden eine Art Tugendkatalog für Mann und Frau. Diese Verse thematisieren die Kleidung der damaligen Zeit. Sie bestand aus zwei Teilen: einer Kopf- und einer Körperbedeckung. Die Körperbedeckung hatte einen tiefen Schlitz, der die Brüste der Frau zu erkennen gab. Um dies zu vermeiden, solle man die Kopfbedeckung herunterziehen. In dem Vers sind keine genauen Bestimmungen zu der Art eines Körperschleiers enthalten. Detaillierte Vorschriften entwickelten sich erst in späterer Zeit.

Ob dieser Vers ein generelles Schleiergebot begründe, beantworten Gelehrte und Gläubige sehr unterschiedlich. Der kürzlich verstorbene Islamreformer Nasr Hamid Abu Zaid beispielsweise kam zu dem Ergebnis, dass man keine religiös begründete Kopftuchpflicht aus dem Koran herauslesen könne, da die koranischen Verse auf der Grundlage einer sozio-historischen Ebene entstanden seien, die in unserer Zeit obsolet geworden sei.

Der Schleier: plurale Herkunftsgeschichte und kulturelles Symbol

Der kurze Einblick soll aufzeigen, dass der Schleier eine plurale Herkunftsgeschichte aufweist, die sich vor allem auf kulturelle Hintergründe stützt. Im Ägypten des 20. Jahrhunderts wurde in den 30er Jahren eine Studie durchgeführt, bei der sich herausstellte, dass dort Christinnen ebenso selbstverständlich einen Schleier trugen wie muslimische Frauen. Erst durch die starke Instrumentalisierung des Schleiers veränderten sich diese Bräuche. Der Schleier, der lange Zeit primär ein kulturelles Symbol gewesen war, entwickelte sich zunehmend zu einem religiösen Merkmal. In der Fremdbezeichnung wird es als eine Art Stigma betrachtet, in der Selbstbezeichnung als eine religiöse Bekenntnismöglichkeit. Fixierungen dieser Art führen zu einer Überfrachtung von Symbolen. Auf diese Weise werden komplexe Sachverhalte in simple Symbole überführt. Eine solche Komplexitätsreduktion kann ein Gefühl der Kontrolle hervorrufen und als solches womöglich befreiend wirken.

Derartige Reduktionen führen jedoch auch zur Produktion von Stereotypisierungen und Vorurteilen. Da das Kopftuch nicht das einzige Symbol der islamischen Religionsgemeinschaften ist, das eine solche stellvertretende Funktion für differenzierte Diskurse einnimmt, ist die Entwicklung zu beobachten, dass sich aus einer differenzierten Beschäftigung mit einer komplexen, heteronomen Glaubensgemeinschaft eine oberflächliche und halbherzige Betrachtung entwickelt. Auf diese Weise kann kein aufrichtiges Verständnis entwickelt werden.

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